Beschreibung

Wappen der Stadt Palatina

Über Palatina sul Aqua

Im 16. Jahrhundert liegt irgendwo in Mittelitalien, im maccaronischen Tal zwischen Siena und Rom, Tyrrhenischem Meer und Apennin, die Renaissance–Stadt Palatina sul Aqua, am Zusammenfluss von Rio und Mandro. Sie ist Hauptstadt der gleichnamigen Republik und wird von Dichtern und Gelehrten auch als „die Reiche“, die „Glänzende“ oder die „trächtige Seekuh im Lachsschaum“ bezeichnet.

Etwa 50.000 Menschen leben in den vier Stadtvierteln, welche sich in Aussehen, Baustil, Bevölkerungsschichten und Lage unterscheiden, bekrönt von der mächtigen Festung auf dem nahen Hügel, die das Gebiet überragt. Hier liegt die Città Antica, die Altstadt, deren Fundamente und Straßenläufe sich bis auf die römische Zeiten zurückführen lassen, wo die Mächtigen und Reichen leben, Ruinen aus alter Zeit, die Verwaltung und die Universität sich befinden, unterbrochen von Zypressen, Gärten und ölbäumen, welche vornehme Palazzi schmücken. Gegenüber liegt, inmitten der Fluten des breiten Flusses Rio, die Città Nuova, die Neustadt, deren Geschichte auf das Frühmittelalter zurückgeht; hier sieht es aus wie in den meisten Städten der Po–Ebene und der Toskana, Händler, Kaufleute und das einflussreiche Bürgertum leben hier in Markt– und Domnähe. Auf der anderen Uferseite liegen hingegen die beiden Viertel San Pietro und Paolo, von Ausläufern des Wassers, Kanälen und Brücken, hohen Bauten und verwinkelten Gassen gezeichnet — in diesen Contraden fühlt man sich gleichsam nach Venedig versetzt, Gondeln runden das Bild ab. Während San Pietro das Revier der Unterschicht, der Arbeiter, Seemänner, Fischer und einfachen Schmiede ist, und der Hafen dieses dicht besiedelte und überbevölkerte Viertel kennzeichnet, ist San Paolo von der Mittelschicht, von Handwerkern, idyllischen Kanälen und roten Ziegelmauern geprägt, dessen Wahrzeichen der Paulusplatz mit seinem uralten, riesigen Olivenbaum darstellt.

Der Beiname Palatinas „sul Aqua“ (auf dem Wasser) ist demnach Programm, liegt der Ort schließlich am, im und auf dem Wasser. Der Zugang zum Meer über den Rio macht sie zudem zu einer wohlhabenden Handelsstadt, welche Kontakte mit Nordafrika und der Levante geknüpft hat, und palatinische Händler treten in Konkurrenz zu florentinischen, genuesischen und venezianischen Kaufleuten im Mittelmeerraum auf. Der Reichtum erlaubt der Handelsmetropole ihren Ruf als Renaissance–Stadt zu wahren, denn nichts vergrößert den Ruf in Italien mehr als Macht, Reichtum, Krieg – und Kunst!

Herrscher all dessen ist der Doge, welcher zusammen mit den vier Beratern, dem Senat und dem Großen Rat die Stadt und Republik Palatina regiert. Dabei tritt der Doge in der Manier eines echten Renaissanceherrschers auf, feiert nicht nur berauschende Feste, sondern sinnt auch nach Kunst, Ruhm – und der Vernichtung seiner Gegner. Die von ihm regierten Ländereien reichen bis zum Meer, dort, wo der Rio bei Porto Vecchio mündet, bis hin zu den Bergen des Apennin, grenzen an Kirchenstaat und die Republik Siena. Letztere wurde vor kurzem dem Herzogtum der Toskana einverleibt, dem Erzfeind Palatinas. Die Außenpolitik Palatinas ist daher vom Überleben der Freiheit und Unabhängigkeit der Republik geprägt.

Die Bewohner wähnen sich sicher hinter den hohen Mauern und haben Vertrauen in den Schutz, den ihnen die als uneinnehmbar geltende Festung San Vittorio gewährt. Dadurch unbeschadet von den unzähligen Kriegen, die über Italien gezogen sind und teilweise immer noch ziehen, betätigen sich Adlige als Mäzene, versuchen Kaufleute ihren Profit zu steigern, gehen Handwerker ihrer geachteten Arbeit nach und einfache Arbeiter verleben ihren Alltag. Der Geist und die Atmosphäre der Neuen Zeit ist hier spürbarer als sonst wo in Italien, mag es aufgrund der Malerei der Künstler, der Erfindungen der Universitarier, oder der ausgelassenen Stimmung bei den rauschenden Großfesten der Stadtrepublik sein; denn nicht zuletzt gilt Palatina als letzter Rückzugsort der Spätrenaissance, im Herbst eines zu Ende gehenden Zeitalters, dass durch Religionskriege, Zensur, Verstaatlichung und Fanatismus in den meisten Teilen Europas bereits sein Ende gefunden hat...